von Magnus für das Club Magazin DAVC 2017

Selbst bei größter Zurückhaltung muss es als kleine Sensation bezeichnet werden, was in den letzten drei Jahren in Kirchzarten bei Freiburg von Martin Waltz, dem ehemaligen Präsidenten der Landesgruppe Südbaden, erschaffen und am 04. Oktober letzten Jahres offiziell eröffnet wurde:
Das Automobil-Museum VOLANTE mit der angeschlossenen Eventgastronomie MANGUSTA.
Mit bewundernswertem Durchhaltewillen, viel Herzblut, schier unerschöpflicher Gestaltungskraft und vor allem der Unterstützung seiner Familie, allen voran seiner Ehefrau Inge, ist es ihm gegen erhebliche Widerstände insbesondere der Baugenehmigungsbehörden gelungen, sein Privatmuseum in der ehemaligen Tennishalle der im idyllischen Dreisamtal gelegenen Schwarzwaldgemeinde Kirchzarten zu errichten.
Nun mag es für uns Oldtimerenthusiasten zunächst zwar eine erfreuliche, keineswegs aber völlig unerwartete Nachricht sein, dass ein weiterer Sammler seine automobilen Schmuckstücke einer interessierten Öffentlichkeit in einer leerstehenden Immobile seiner Heimatgemeinde präsentiert. Im vorliegenden Fall empfiehlt es sich jedoch, genauer hinzuschauen. Martin Waltz hat mit dem VOLANTE nicht nur einen Lebenstraum realisiert. Es handelt sich vielmehr sowohl hinsichtlich der ausgestellten Automobile als auch bezüglich des Gesamtkonzepts um ein Projekt, das in Deutschland einmalig ist und sich auch im internationalen Vergleich keinesfalls verstecken muss. Dies ist umso erstaunlicher als das Budget, das ihm zur Verfügung stand, sowohl in Anbetracht des selbst gesteckten Zieles als auch im Gegensatz zu anderen Museumseignern als überschaubar bezeichnet werden muss.
Das Konzept
Das VOLANTE mit der Eventgastronomie MANGUSTA bietet seinen Besuchern die Möglichkeit, gemütliches Essen und Trinken auf gehobenem kulinarischem Niveau mit dem unmittelbaren Erlebnis einer imposanten Oldtimerausstellung zu verbinden. So können die Restaurantgäste einen direkten Blick durch Panoramascheiben in die Ausstellungshalle genießen. Gleiches ist für

Rolling Chassis
geschlossene Gesellschaften bis zu 120 Personen aus dem ‚Autosalon‘ genannten Konferenzsaal möglich. Darüber hinaus eröffnet das VOLANTE für Gruppen bis zu 360 Personen bei Bankettbestuhlung bzw. 600 Personen (Stehempfang) die sehr reizvolle Option, direkt in der Ausstellungshalle zwischen den Edelkarossen verköstigt zu werden, was für ein Oldtimermuseum jedenfalls in Deutschland einmalig ist. Das MANGUSTA empfiehlt sich hierbei durch hochwertige Kochkunst unter Verwendung regionaler Produkte und verwöhnt seine Gäste unter anderem mit edlen Steaks und frischen Pizzaspezialitäten.
Die Exponate
Den ersten wesentlichen Schwerpunkt der Oldtimerausstellung bilden extrem seltene Luxusautomobile der 1920er und insbesondere 1930er Jahre. Als herausragend sticht zunächst ein in absolutem Originalzustand präsentiertes Horch 853 Sport Cabriolet hervor. Der 1937 mit dem technisch anspruchsvollen 5-Liter-Reihenachtzylindermotor ausgelieferte Wagen trägt sämtliche Narben und Gebrauchspuren seines langen und im wahrsten Sinne bewegten Lebens und ist fahrfähig! Mehr Authentizität ist kaum vorstellbar. Gleiches gilt für den fantastischen und wohl weltweit mit der meisten Originalsubstanz erhaltenen Bugatti Type 35A von 1926. Ebenso bestechen ein gewaltiges 1932er Lincoln KA Eight Coupé von Murray, ein sehr rares Lancia Astura Serie 2 Cabriolet von Pinin Farina (1932), ein feingezeichnetes Rolls-Royce 20/25 Coupé mit Karosserie nach dem Leichtbau-Patent der Firma Weymann (1931) und ein sportiver 1934er Sunbeam Speed 20 Monte Carlo mit herrlicher Patina und Originalität.

1937 Horch 853

1939 Rolls-Royce
Das Herzstück dieses Teils der Sammlung ist ein Ensemble von acht Luxuswagen, die von der renommierten Pariser Karosserie-Manufaktur VANVOOREN eingekleidet wurden. Das VOLANTE bietet damit die international größte Zusammenkunft von VANVOOREN-Automobilen. Um die historische Entwicklung des Designs und die Bandbreite der von VANVOOREN belieferten Premium-Hersteller abzubilden, hat Martin Waltz besonderen Wert darauf gelegt, Fahrzeuge möglichst unterschiedlicher Marken zusammen zu tragen und dabei die denkbar größte Zeitspanne der Firmengeschichte von VANVOOREN abzudecken. Mit dem ältesten noch bekannten VANVOOREN-Automobil, einem 1911 gebauten Panhard Levassor X14 25HP Tourer, einem wunderbar „geschopten“ 1928er Avions Voisin C11, einem traumhaft eleganten und originalen 1935er Alvis Speed 20 SD Cabriolet, einem majestätischen Hispano-Suiza K6 Berline von 1937, einem extravaganten 1938er 4 ¼ Liter Bentley Coupé, einem sportlichen Bugatti Type 57 Cabriolet Baujahr 1938, einem technisch exquisiten 1939er Rolls-Royce Wraith Faux Cabriolet und dem letzten überhaupt produzierten VANVOOREN-Wagen, einem Delahaye 135 M Coupé von 1950, ist ihm das in Perfektion gelungen .
Der konzeptionell zweite Schwerpunkt der Fahrzeugpräsentation ist eine jeweils jährlich alternierende Sonderausstellung bedeutender Nachkriegs-Sportwagen. Für die Bestückung dieser Sonderausstellungen greift das VOLANTE in erster Linie auf Leihgaben zurück. Das zur Museumseröffnung ambitioniert gewählte Thema lautet „italienische Supersportwagen der 60er und 70er Jahre“. Für die Umsetzung dieses Titels muss dem VOLANTE die Bestnote verliehen werden.
Oder wann haben Sie zum letzten Mal die folgenden Modelle gleichzeitig bewundern können?

Italian Supercars

1967 Lamborghini Miura
Zunächst begeistert ein Ferrari 365 GTB/4 Daytona Spider aus prominentem Vorbesitz. Diese Preziose wurde 1969 als einer von nur 20 Spidern in Europa-Version auf Carlo Ponti und Sophia Loren erstmals zugelassen und später zehn Jahre lang von Pink-Floyd-Sänger und Gitarrist David Gilmour sportlich bewegt. Daneben glänzt ein 1982er Ferrari 512 BBi in Bestzustand und obligatorischem Rot. Das zweite Marken-Pärchen bilden ein seltener 1970er Maserati Ghibli Spider und sein Nachfolger, ein 1977er Khamsin mit Bertone-Kleid, der einzige mit einem T-Top ausgelieferte Wagen dieses Typs. Gleich nebenan geben sich als Stierkämpfer ein 1967er Vorserien Lamborghini Miura in einer nur 930Kg wiegenden Leichtbauversion und ein früher, schneeweißer Countach, Baujahr 1979, ein Stelldichein. Ein De Tomaso Mangusta von 1969, der mit seiner von Giorgetto Giugiaro gezeichneten Silhouette fasziniert und sein von Tom Tjaarda gestaltetes Nachfolgemodell, ein 1971er Pantera, vervollständigen den Kern der Sonderausstellung als viertes Duo. Hinzu gesellen sich sechs weitere italienische Exoten, von denen ein in perfektem Zustand präsentierter 1979er Lamborghini Urraco P300 und ein Fiat Dino Spider in der super-seltenen 2,4-Liter-Version besonders hervorzuheben sind.
Darüber hinaus deckt das VOLANTE mit einem Porsche 959 S von 1988, der Dank einer Werksleistungssteigerung auf 530 PS und 340 km/h Höchstgeschwindigkeit der stärkste je direkt von Porsche produzierte Wagen seines Typs ist, und einem 1980er BMW M1 in Auslieferungszustand auch das Thema deutsche Supersportwagen der 1980er Jahre ab. Zwei Stehlen mit Helmen des Rennfahrers und Begründers der Motorpresse, Paul Pietsch, sowie des Rekordhalters am Schauinsland, Mario Ketterer, der mit der unfassbaren Durchschnittsgeschwindigkeit von 135 km/h eine Marke für die Ewigkeit in den Asphalt der mit 12 Km Länge und 173 Kurven gesegneten

1978 Lamborghini Countach

Ferrari Dino 308 & Lamborghini Urraco
Bergrennstrecke brannte, dazu eine Galerie weiterer Heroen des legendären ADAC-Bergrekords nehmen Bezug zur Rennsportlichen Vergangenheit des Südschwarzwaldes. Ebenso erwähnenswert sind die beiden Jaguar E-Type in offener und geschlossener Ausführung der 1. Serie, beide Baujahr 1963, mit identischer Ausstattung und in „gun-metal-grey“ lackiert, die neben einem XK 120 OTS von 1950 die britische Marke mit der Raubkatze eindrucksvoll vertreten. Direkt nebenan bieten die ersten amerikanischen Sportwagen, Corvette Cabriolets der Serien 1 und 2, den zeitgenössischen transatlantischen Vergleich. Diese Auflistung ist damit noch längst nicht vollständig, vermittelt aber bereits anschaulich, welch hochklassige Sammlung auf die Museumsbesucher wartet. Aus DAVC-Sicht ist dabei besonders erfreulich, dass auch die Hälfte der Leihgaben von Clubmitgliedern beigesteuert wurde.
Die Präsentation
Obwohl die enorme Qualität sowohl der einzelnen Exponate als auch deren Zusammenstellung weit überdurchschnittlich und über jeden Zweifel erhaben ist, wird sie – und das ist die eigentliche Sensation des VOLANTE – von der Art und Weise, wie Martin Waltz die Sammlung in der 2000 qm großen freitragenden Halle in Szene setzt, noch übertroffen. Befreit von etwaigen Vorgaben eines Automobilkonzerns und pädagogischen Anforderungen fragwürdiger Kulturdezernenten hat er seine Vision einer Oldtimerpräsentation virtuos ins Werk gesetzt. Diese hat die sofort fesselnde Anmutung einer Kunstausstellung und erinnert an eine Exposition seltener epochaler Meisterwerke und faszinierender Kunstobjekte der Moderne, als die – und das ist ein Teil der Intention des VOLANTE– die gezeigten Klassiker auch betrachtet werden sollen.

1932 Lincoln KA

Hall of Fame
Erreicht wird diese begeisternde Wirkung zunächst dadurch, dass die Wände, Dachflächen und alle sichtbaren Konstruktionselemente wie Träger, Streben etc. des riesigen Hallenkörpers, in dem der Besucher steht, schwarz gehalten sind. In Kombination mit den in der Dachkonstruktion installierten Spots, mittels derer die Fahrzeuge kunstvoll akzentuiert ins rechte Licht gesetzt werden, löst sich der umgebende Hallenbau gleichsam auf und erscheint als sternenbesetztes Firmament, unter dem die Fahrzeug-Skulpturen ihre unvergleichliche Ästhetik ausstrahlen können. Verstärkt wird diese Wirkung durch einen in blassgoldenem Stoff gefertigten überdimensionalen viereckigen „Baldachin“, der beleuchtet über den acht Vanvooren-Fahrzeugen schwebt. Dieser ist zum einen eine Reminiszenz an den Art Déco und verleiht zum anderen der Präsentation wie eine Corona die Erhabenheit, die ihr gebührt. Erst diese raffinierte und unvergleichliche Kulisse ermöglicht es nun, die Exponate frei von jeglichen Absperrungen, Stellwänden, Hinweistafeln oder sonstigen ausschmückenden Objekten auf der völlig planen Fläche wie auf einem silbernen Tablett zu präsentieren. Zusätzlich wird jedes einzelne Fahrzeug durch eine spezielle Lichttechnik so ausgeleuchtet, das sein Design perfekt zur Geltung kommt. Die durch diese vollständige Reduzierung auf das einzig Entscheidende, nämlich die Fahrzeuge, erzielte Wirkung ist beeindruckend!
Der Verzicht auf Absperrungen wird dabei durch die Verwendung modernster Sicherheitstechnik, die erstmals im VOLANTE eingesetzt wird, ermöglicht. Die Bezeichnung der Fahrzeuge mit Baujahr befindet sich jeweils in nicht erhabener Schrift auf dem Boden, alle weiteren Informationen erhält der Besucher in Form eines bebilderten Museumsführers und durch einen zentral positionierten Medientisch mit Touchscreen.

Die Betreiber – Martin & Inge Waltz
Resümee
Das VOLANTE ist viel mehr als die Summe seiner Teile, mehr als nur ein gut gemachtes Oldtimermuseum. Es ist eine ganz persönliche, von profunder automobilhistorischer Kenntnis und bewundernswertem künstlerischen Gespür getragene, brillant inszenierte Hommage, eine Hommage an die uns bis heute tief berührende gestalterische Kreativität, technische Genialität und handwerkliche Perfektion all jener Persönlichkeiten, die in der unwiederbringlichen Blütezeit des Automobilbaus der 20er- bis frühen 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einzigartige Traumwagen erschaffen haben, deren unwiderstehliche Faszination uns noch immer fesselt.
Wer an dieser tiefen Verneigung teilhaben möchte, dem sei ein Besuch des VOLANTE dringend empfohlen.
Internet: www.museum-volante.de
Magnus Gammelin DAVC Südbaden

